„Gott, ich hasse umziehen. Das kannst du alles weghauen“, sage ich zu ihm und er guckt mich mit großen Augen an. „Echt jetzt?“ fragt er und verschluckt sich fast vor lauter Aufregung. Als ich von meinem Karton hochsehe, kneift er gerade seine Augen zu einem skeptischen Blick zusammen, wie jemand, der schon oft über den Tisch gezogen wurde. Diesen skeptischen Blick kenne ich nur von Menschen, die allen Grund zur Skepsis haben. „Ja klar, ich brauch den ganzen Kram nicht mehr. Mach einen Haufen, hau Spiritus drauf, fackel es ab, mir egal. Hauptsache ich muss das Zeug nicht mehr sehen.“

Noch während ich rede sammelt er emsig seine Fundstücke zusammen. So wie andere Pilze sammeln, sammelt er Dinge, die er später anzünden wird, schaut sie gewissenhaft von jeder Seite an, kniet sich vor sie, haucht glatte Oberflächen an und streicht über rauhe. Sortiert und ordnet die Dinge akribisch nach einem mir unbegreiflichen System immer kleiner werdender Haufen. Am Ende dieser Reihung steht schließlich ein Pappkarton. Immer wieder gluckst er vor lauter Vorfreude in sich hinein: „Das wird so gut. Ja! So gut.“

Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendwie macht es mich glücklich, ihn so zu sehen. Es ist beinahe ansteckend. „Also die Sachen würde ich mitnehmen“, sagt er nach ein paar Minuten und hält seinen gefüllten Karton wie einen Goldschatz. „Ja, mach mal. Willste nicht noch mehr mitnehmen? Das muss echt alles weg, ich weiß sonst nicht wohin damit.“ Er wird rot. „Also.. ich weiß nicht,“ stammelt er verlegen und verzieht das Gesicht. „Komm einfach morgen nochmal, wenn du mehr brauchst,“ sage ich und sein Gesicht entspannt sich wieder. „Ok. Mache ich.“ sagt er; sagt es mit dem Ernst eines Soldaten, der zu seinem General spricht. Es ist ihm wirklich immer sehr ernst.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber irgendwann begann er mir zu vertrauen. „Ich mag Feuer.“, sagte er auf einmal, als wir bei einem Bier bei mir in der Küche saßen. Es war dieses vierte Bier, das man unweigerlich trinkt, wenn man sich auf nur ein Bier trifft, da sagte er es. „Ich mag Feuer.“ „Ich mag auch Feuer!“ antwortete ich und dachte dabei an im Kreis gelegte Steine und Stockbrot. Und an meinen Kamin. Ach mein Kamin… „Nein, du verstehst nicht,…“ sagte er und lehnte sich nach vorn, überlegte es sich anders und lehnte sich doch schnell wieder zurück. Nähe fiel ihm schwer. „Ich mag Feuer zu machen. Ich zünde Dinge an.“ „Ok,“ sagte ich, „was denn so zum Beispiel? Bunte Kerzen? Briefe von der Ex?“ Bei der Vorstellung musste ich lachen. Er aber starrte mir stählern in die Augen. Ich glaube in dem Moment entschied er sich, mich zu seinem Vertrauten zu machen. „Nichts Gefährliches, ich verletze niemanden…“ versicherte er mir leise. „Erzähl, das hier ist gesetzesfreier Raum,“ sagte ich grinsend und machte mit einem Feuerzeug mein fünftes Bier auf. Ich war schon echt ziemlich betrunken. Warum zum Teufel war er nicht betrunken? Vertrug er so viel oder konnte er es nur gut verstecken?

„Ich zünde Häuser an. Verlassene, die leer stehen. Aber nur im Herbst, wegen der Feuchte. Im Sommer meistens Möbel auf verlassenen Industriehöfen. Im Frühling Matratzen und Mülltonnen. Im Winter nehme ich kleine Gegenstände mit und zünde sie überall in der Stadt an. Ich habe mal eine Holzeisenbahn vor dem Umweltministerium angezündet, also nachts, als keiner da war, ich-“ da hörte er plötzlich auf. Ich hatte ihm so stillschweigend zugehört, dass er vergessen hatte, dass ich noch da war. Es verwirrte mich sehr, dass er die Jahreszeiten rückwärts aufzählte. Es war als hätte ich einen alten Freund wiedergetroffen und wäre mir ganz sicher gewesen, dass er Peter heißt, und dann hätte ich gesagt „Hi Peter, schön dich zu sehen!“, aber er hätte enttäuscht meinen Händedruck losgelassen und gesagt „Ich heiße Adrian“.

Es brauchte eine Weile, bis ich mich von der neuen Jahreszeiten-Ordnung und Peter, der eigentlich Adrian heißt, erholt hatte. Er dachte wohl, ich würde wegen eines Schocks über sein Geständnis schweigen, und schwieg auch.

„Ich ziehe bald um,“ sagte ich schließlich und er zuckte kurz zusammen, herausgerissen aus der Trance der biergetränkten Stille. „Die neue Wohnung ist kleiner, ich muss Zeug loswerden. Willst du da was für deine Wintertour haben?“ fragte ich ihn, neugierig, was er dazu sagen würde. Seine Augen glänzten hellwach im Kerzenlicht und ich sah, dass er stark schwitzte. „Was hast du denn für Dinge?“ fragte er vorsichtig. „Ach, alles mögliche. Ein paar Skulpturen, Kommoden, ein paar Bilderrahmen, Klamotten und Bücher. Kannst du damit was anfangen?“ Er bewegte sich jetzt fast gar nicht mehr. Er schien sich sehr zu konzentrieren. „Ja,“, sagte er nach etwas Bedenkzeit, „damit kann ich was anfangen.“